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Chris McGregor - Harry Beckett -
Ernest Mothle

JAZZPODIUM 9/1985
INTENSIVES GRUPPENSPIEL
McGregor-Beckett-Quartett im Quasimodo
Besser hätte es dem Westberliner Jazzmusiker Albrecht Riermeier nicht ergehen können. Seit drei Wochen tourt er mit dem hochkarätigen Chris-McGregor-Harry-Beckett-Quartett durch die Lande, um sich nun im Quasimodo vorzustellen. Hat er sich in unserer Stadt bislang als Vibraphonist profiliert, so sitzt er jetzt am Schlagzeug. Da ist der Rhythmus nicht Knecht, der vor den Stars erstarrt, sondern er greift vehement in das musikalische Geschehen ein. Sowohl als solider time-keeper als auch akzentesetzender Akteur ist Riermeier an Trommeln und Becken überzeugend.
Überhaupt zeichnet diese Gruppe der hohe Integrationsgrad der einzelnen Mitglieder aus, die immense Spielfreude und Kommunikation untereinander. Harry Beckett, dem aus Barbados kommenden Trompeter, ist diese urtümlich demokratische Gruppenkonzept zu verdanken, das die von ihm geschriebenen Stücke unterstützt. Sie sind nicht dem zeitlos-modischen Bebop verschrieben - dazu ist Beckett ein zu guter Mingus-Schüler - , sondern atmen einen Hauch von Freiheit und rhythmischer Frische.
Zu getragenen Balladen bläst Beckett dezente Linien, zu übermäßig swingenden Latinismen werden zu ausdruchsstarker hoher Intonation freie Passagen eingebaut. Er ist ein exzellenter Techniker und ein vorbildlicher Bandleader.
Mit sonorig singendem Ton steht ihm Bassist Ernest Mothle zur Seite. Auch er glänzt mit solistischem und gruppendienlichem Spiel, das stets Geschichten erzählen will - vielleicht davon, dass er seine südafrikanische Heimat verlassen musste, jetzt in England lebt, ebenso wie sein Landsmann Chris McGregor, dem Pianisten der Band, der dem südafrikanischen Rassitenregime früh den Rücken kehrte und in den siebziger Jahren mit seiner "Bruderschaft des Atems" die europäische Bigband-Landschaft beeinflußte. Mit zurückhaltenden Läufen bringt er sich ein, die sich mal bluesgetränkt geben, dann aber wieder gesellig , wenn nicht geschmäcklerisch von sich reden machen. Ein durchschnittlicher Pianist ist McGregor stets gewesen. Was zählte , ware mehr seine Ausstrahlung und seine Vorgaben für das Gruppengeschehen. Tugenden, die an diesem Abend, an dem man sich mehr Publikum im Quasimodo gewünscht hätte, hoch im Kurs standen.
Reiner Kobe
DIE WELT 2.10.1986
CHRIS McGREGOR IM CIRCLE
MUSIK JENSEITS VON AFRIKA
Fast wäre er verschüttgegangen, der ganz spezielle Ton in der Musik des Pianisten Chris McGregor. Doch plötzlich mischt sich seine Geschichte wieder ein - mit einer tanzbaren, munter rhythmischen Figur sind der Pianist aus Südafrika, seine beiden Begleiter und wir alle im "Circle" in der Markthallt wieder mittendrin im lässigen Tanzschritt afrikanischer Musik.
McGregor, der zu den ersten weißen Emigranten am Beginn der Apartheid-Zeit gehörte, strapaziert die afrikanischen Wurzeln jedoch nicht über Gebühr; er ist keiner, der die Buschtrommel kämpferisch vor dem Bauch trägt. Aber er weiß, dass sein Klavierspiel, so flüssig, elegant und gewitzt er es auch angelegt, doch immer festen Halt findet im Rhythmus seiner Heimat. Besonders sicher wird dieser Halt, wenn McGregor streng und strikt arrangiert, wenn er vor allem seinen nicht ganz taktfesten Schlagzeuger Albrecht Riermeier einbindet in das ausgefuchste System seiner rhythmischen Akzente. Da sprühen dann beide vor Spiellaune und vor sauber sortierten und gebündelten Ideen. Da lebt die Musik.
Nicht jeder Ton gerät so überzeugend, besonders im langsamen Balladentempo gibt sich McGregor ein wenig zu beredt, fast schon geschwätzig, drischt Riermeier etwas zu kräftig drein. Doch dann hat Bassist Ernest Mothle seine größten, volltönenden Minuten - und so finden doch alle drei eine gangbaren Weg jenseits von Afrika.
CHRIS McGREGOR HEUTE IM "Quasi"
Vor ungefähr eineinhalb Jahrzehnten verließ er zusammen mit den schwarzen Musikern Mongezi Feza, Johnny Dyani, Dudu Pukwana und Louis Moholo Südafrika. Das Apartheid-Regime verbot und verbietet die Auftritte von Schwarzen und Weißen gemeinsam.
Gut ein Duzend Platten spielte der weiße Pianist Chris McGregor danach in Europa ein, gastierte auf Workshops des Südwestfunks in Baden-Baden, leitete die Blue Notes und die Brotherhood of Breath, eine Freejazz-Großformation.
Doch so lautstark manchmal auch die Bläser seiner Gruppen tönen, die Abnabelung aus seinem Heimatland vollzog sich eher leise, aber dennoch äußerst entschlossen. So hat die Musikbranche eigentlich schon vergessen, dass Chris McGregor, der nun bei Bordeaux eine Farm betreibt, eigentlich aus Südafrika stammt. Kürzlich besuchte der 50jährige seine Eltern, die immer noch in Südafrika leben.
Heute spielt Chris McGregor zusammen mit Ernest Mothle am Bass und dem in Westberlin lebenden Schlagzeuger Albrecht Riermeier im Quasimodo Kantstraße 12a). Beginn ist gegen 21 Uhr. Dananch beginnt eine DDR-Tour mit den gleichen Musikern.
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