Hörbeispiele
Die Gegenwart zeigt ihre Wunden
Ein Theaterbrief aus der Haupstadt Berlin
Rheinpfalz / Von Peter Claus
Brecht, Kaléko, Schlingensief - die Stimmen der Autoren, die derzeit Berlins Bühnen beherrschen, könnten unterschiedlicher in Klang und Farbe kaum sein.
Vielfalt, die Genuss bringt. Zwar ist die eine, sensationelle, einem den Atem raubende Inszenierung unter den derzeitigen Novitäten nicht auszumachen. Doch gibt es viele gute Gründe, die hauptstädtische Theaterlandschaft zu durchforsten ...

...Das vom Aufwand her kleinste, in der Wirkung aber größte neue Angebot heißt "Hat alles seine zwei Schattenseiten". Die Schauspielerin Barbara Schnitzler und der Percussionist Albrecht Riermeier präsentieren in den Kammerspielen des Deutschen Theaters eine szenische Collage nach Texten von Mascha Kaléko.

Ein zärtlicher, von herber Traurigkeit durchwebter Abend. Die von der Akteurin unprätentiös vorgetragenen Texte erzählen vor allem von den Einsamen, Leidenden, Suchenden. In nur einer Stunde entsteht dabei ein Kaleidoskop von Lebensskizzen, die sich an einem Schnittpunkt treffen: der Verwundbarkeit von Glück. Und plötzlich spiegeln all die privaten Geschichten selbstverständlich Zeitgeschichte, die Wunden unserergefährdeten Gegenwart. Zum Heulen schön.
Das ganze seelische Arsenal einer jungen Frau Mascha-Kaléko-Stück hatte im Societaetstheater Premiere
Tomas Gärtner
... Das alles qualifiziert diese Gedichte bestens zum Vortrag auf einer Bühne. Man fragt sich, wenn man sie hört, warum keiner früher darauf gekommen ist. Jetzt jedenfalls hat es die Schauspielerin Barbara Schnitzler vom Deutschen Theater in Berlin getan, im Societaetstheater. Gemeinsam mit dem Musiker Albrecht Riermeier.

Mit diversem Schlagwerk und Vibraphon bettet er die Verse in einen Klangteppich ein, der viele Assoziationen zulässt. Geheimnisvoll fernöstlich oder verzerrt tönende Gongs, dazu Synthesizer-Klänge vom Band, ein musikalisches Sting-Zitat. Das steckt diese Gedichte nicht nachträglich in ein Zwanziger-Jahre-Kostüm, sondern verdeutlicht, dass sie sehr wohl für die Gegenwart taugen. Riermeier macht deren emotionale Grundstimmung hörbar: mal verhalten, sphärisch fast, mal wie das unerbittliche Ticken einer Uhr, dann wieder so treibend und laut, dass es fast schmerzt ...
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